aus Titanic Magazin - Oktober 2006

Wahre Geschichten:
Schicksal Nachtportier

Früher war Jakob ein ganz normaler Student. Dann kam der 11. September. Der Tag, an dem er Nachtportier in einer Wiener Jugendherberge wurde und sein Leben sich jäh verbesserte. Jakob (22) ist überglücklich in seinem Beruf - ein kaum mehr vorstellbares Einzelschicksal.

Es ist kurz vor Mitternacht, als vor einer Jugendherberge unweit des Wiener Rotlichtviertels ein junger Mann in auffallend verbeulten Jeans und mit schleppendem Gang auf uns zutrottet. „Das kommt von dem vielen Geld“, klopft sich Jakob auf die dank Nachtzulage und Trinkgeld prall gefüllten Hosentaschen. Dann bittet er uns in die Rezeption. 
  Unser Blick fällt auf Dutzende leerer Flaschen. Bier: für viele Nachtportiers die einzige Abwechslung in einsamen Stunden. Jakob hat sein Alkoholproblem mittlerweile in den Griff bekommen. „Ich habe endlich den Schlüssel zum Getränkelager gefunden. Jetzt kann ich mich jede Nacht gratis vollaufen lassen!“ Stolz füllt er sein Glas, dann läutet das Telefon. Eine Nachbarin beschwert sich über lärmende Gäste. Wüste Beschimpfungen folgen, eingeschüchtert legt die Dame wieder auf. Dass Jakobs Arbeit nicht nur aus Biertrinken besteht, merken wir spätestens jetzt, als er zwei Kisten Wein aus dem Keller holt.
  Immer wieder kehren junge Gäste fröhlich aus dem Wiener Nachtleben zurück. Dock Jakob bereut es nicht, sein Studentenleben für den nächtlichen Job zu opfern. Hier, sagt er, kann er wenigstens etwas für das Leben danach mitnehmen – Brieftaschen etwa oder Freundinnen, die von Gästen bei der Abreise vergessen wurden. Seine einzige Aufgabe ist permanente Anwesenheit: Im Brandfall hängt das Leben von 200 Gästen von ihm ab. „Aber mit der Zeit lernt jeder, mit dieser Verantwortung auf seine Weise umzugehen“, erklärt Jakob und deaktiviert den Feuermelder.
  Immer öfter jedoch muss er sich auch um nächtliche Probleme der Gäste kümmern. Erst vor einem halben Jahr, so erzählt er, haben ihn nach nur fünf Stunden Tiefschlaf unter dem Schreibtisch ein paar halbnackte junge Mexikanerinnen geweckt. „Die Waschmaschine war kaputt, ich musste ihre Unterhosen von Hand waschen.“ Jakob lächelt bescheiden, aber sein glückliches Gesicht wirkt wie eine Fassade – eine Fassade, hinter der sich ein noch viel glücklicherer Mensch verbirgt. Stundenlang starrt Jakob in dieser Nacht schweigend an die Wand im Aufenthaltsraum. Es ist eine braune, schlecht tapezierte Wand, an der nichts hängt außer einem Großbildfernseher mit über 250 Programmen plus Playstation. Soziale Kontakte sind Mangelware für Nachtportiers. Für die Gäste im Haus ist Jakob bloß eine Nummer, nämlich die Nr. 1. Mit denen möchte er nichts zu tun haben. Je später die Nacht, desto gesprächiger wird Jakob. „Bei meinem Chef stehe ich schon lange auf der schwarzen Liste.“ Ein dunkler Zettel an der Wand verrät uns, dass der junge Wiener schon zum dritten Mal in Folge ‚Mitarbeiter des Monats’ ist. Sein Erfolgsrezept? Engagement und Geduld. Denn oft sei es sehr anstrengend, die Gäste unter Androhung von Gewalt zu bitten, ihn bei der Geschäftsführung für seine Freundlichkeit zu loben.
  Kurz vor Sonnenaufgang kommt Unruhe ins Haus. Ein offensichtlich schwer betrunkener Mann versucht, durch ein Fenster ins Büro der Geschäftsleitung einzudringen. Es ist Jakob, der vor Dienstende noch Papierkram erledigen muss. Nachdem er 300 Seiten Texte für die Uni ausgedruckt hat, wird er von seinem Kollegen von der Frühschicht abgelöst. Er ist es auch, der uns verrät, dass Jakob in seinem Job oft an seine physischen Grenzen gehen muss. Kein Nachtportier zuvor habe täglich einen so schweren Rucksack voller aus dem Lager gestohlener Getränke und Lebensmittel mit nach Hause geschleppt. Müde begleiten wir Jakob noch bis zur U-Bahn, wo er seinen neuen BMW geparkt hat.
  Der Abschied fällt ihm sichtlich leicht. Er ist zu betrunken, um sich an uns zu erinnern. Mit einem mulmigen Gefühl machen wir uns auf den Heimweg. Ob wir Jakob jemals wiedersehen werden? Zahlen belegen: Kaum jemand hält es länger als fünf Jahre in der Nachtportierszene aus. Irgendwann wird der Druck zu groß, den das viele Geld auf die Brieftasche ausübt. Die meisten machen dann erst mal ein Jahr Weltreise.

jürgen marschal